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Helfen, wo alles in Trümmern liegt

ein Einsatzbericht von Helfende Hände

Als eines der katastrophalsten Erdbeben der türkischen Geschichte Anatolien verwüstete, war das Helfende Hände Einsatzteam schnell vor Ort. Es braucht viel Wissen und Erfahrung, um in so einem Fall richtig reagieren und effektiv helfen zu können. Einsatzleiter Monte E. Wilson nimmt Sie mit auf diesen Einsatz, der lebenswichtige Hilfsgüter zu Menschen in größter Not brachte – und noch so viel mehr.

Nacht auf Montag, den 19. Februar 2023

Winter im Südosten der Türkei. Die Menschen liegen in ihren Betten, als das erste Erdbeben von 7,8 auf der Richterskala vom Mittelmeer bis tief in die Berge Anatoliens losbricht. Unzählige Häuser stürzen in sich zusammen, ganze Familien werden dabei ausgelöscht. Nach Sonnenaufgang erschüttert das zweite Beben dieselbe Region. Stärke: 7,5. Viele Gebäude, die den ersten Stoß kaum überstanden, brechen nun endgültig zusammen.

Mittwoch, der 21. Februar 2023

In dem entstandenen Chaos ist erst Stück für Stück klar geworden, wie gigantisch das Ausmaß der Katastrophe ist. So erfahren wir erst heute aus den Nachrichten, was sich in der Türkei und im Norden Syriens zugetragen hat. Die Bilder aus dem Erdbebengebiet sind erschreckend, die Opferzahlen steigen stündlich. Es sind bereits viele Tausend! Für uns ist klar: Die Überlebenden brauchen unsere Hilfe, und Zeit ist jetzt kritisch!

Donnerstag, der 22. Februar 2023

Wir sitzen bereits im Flieger in die Türkei, ein Fahrer vor Ort ist organisiert. Im Gepäck haben wir wetterfeste Kleidung, die wir im bitterkalten Winter der anatolischen Berge dringend brauchen werden, und unsere Einsatztaschen („Go-bags“), die jederzeit einsatzbereit gepackt sind. Sie beinhalten vor allem Wasserfilter, Zelte, Satellitentelefone und Notrationen. Wir müssen gut vorbereitet und im Einsatzgebiet unabhängig überlebensfähig sein, wenn wir uns nicht auf Hotels oder andere Unterkünfte verlassen können.

Ankunft im Alptraum

Trotz Jahrzehnten der Einsatzerfahrung, trotz der Bilder, die wir in den Nachrichten gesehen haben, sind wir schockiert von dem, was uns hier erwartet: Ein Trümmermeer erstreckt sich bis zum Horizont. Minarette, Strommasten und Schornsteine ragen daraus hervor wie Grabsteine. Drei Tage sind vergangen, seit die Türkei in diesem Albtraum aufwachte. Trotz der schwindenden Hoffnung arbeiten überall Rettungskräfte Hand in Hand mit Freiwilligen unermüdlich weiter, um Verschüttete freizulegen. In den Bergen von Ruinen sehen die Menschen aus wie Ameisen.

Rettung und Bergung durch Behörden und Helfer sind der erste Schritt, beim zweiten kommen wir zum Einsatz: Wir bringen Nothilfe zu den Menschen! Unsere Spezialität ist es, genau dort zu helfen, wo es für andere Organisationen zu kompliziert, zu abgelegen oder zu aufwändig ist. Unsere Erfahrung mit Erdbeben zeigt, dass kleine, entlegene Dörfer meist kaum Hilfe bekommen, und das oft zu spät. Mit anderen Worten: Wenn wir nicht helfen, haben die Menschen dort wenig zu erwarten.

Wie hilft man überhaupt in einem fremden Land?

Die Türkei lässt Organisationen ihre Hilfsgüter in staatliche Lagerhallen bringen, das Militär organisiert und überwacht die Verteilung. Da wir jedoch stets darauf bestehen, die Güter selbst in die Hände ihrer Empfänger zu bringen, brauchen wir eine Sondergenehmigung. Gedanklich habe ich mich schon auf zähe Gespräche vorbereitet, doch zum Glück kannte unser Fahrer genau den richtigen Mann: einen Kommandeur beim Militär, der uns nicht nur für unser Hilfsangebot dankt, sondern auch alle Hebel in Bewegung setzt, um uns zu unterstützen. Kontakte wie dieser sind für uns immens wertvoll, ohne ihn wäre es noch viel beschwerlicher geworden.

Was wird gebraucht?

Der Kommandeur beschreibt uns die Lage: Das Stromnetz ist zusammengebrochen. Es gibt keine Heizung – viele haben jetzt mitten im Winter nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf! Das Erdbeben hat die Kanalisationen zerstört und deren Inhalt verseucht das Grund- und Trinkwasser. Was die Menschen jetzt vor allem brauchen, sind darum:

 

  • Matratzen und warme Decken
  • Sauberes Trinkwasser
  • Und jede Menge Lebensmittel

Diese Güter zu finden, ist eine ganz schöne Herausforderung. Alles, was es im Einsatzgebiet gibt, wurde bereits verteilt. Aber schließlich können wir alles Nötige aus etwas größerer Entfernung per Lastwagen herantransportieren lassen. Wir müssen schnell vor Ort sein, daher kaufen wir die Hilfsgüter stets nah am Geschehen ein, anders als andere große Organisationen. Das ist übrigens nicht nur schneller, sondern auch günstiger. Und das ist wichtig: Jeder Spendeneuro, den wir einsetzen, soll möglichst viel helfen!

Der Kommandeur kann uns außerdem genau sagen, welche Orte noch nicht versorgt wurden. Und gibt uns sogar mehrere Männer als Eskorte durch das schwierige Gelände, die außerdem beim Verteilen der Güter an die Erdbebenopfer helfen werden.

Eine beschwerliche Reise

Als wir aufbrechen, nimmt uns der überwältigende Gestank des Todes den Atem: Menschen und auch Tiere liegen seit Tagen tot unter den Trümmern begraben. Ich kann nicht in Worte fassen, wie mir zumute ist angesichts dieser Eindrücke. Auch die Menschen hier ertragen das, umso wichtiger also, dass wir als Zeichen der Hoffnung hier sind.

Wegen der schwierigen Bedingungen legen wir hunderte Kilometer über mehrere Tage zurück – ohne die Notlage wären es nur einige Stunden gewesen. Mit jedem Tag werden die Gerüche schlimmer. Mein Herz bricht bei dem Gedanken an die Hinterbliebenen, die ja genau wissen, was diesen Geruch auslöst.

Helfen – mit mehr als Hilfsgütern im Gepäck

Wir sitzen mit den Familien in ihren Zelten, hören einfach zu. Ein Mann hat seine Frau verloren, ein Elternpaar alle seine Kinder. In einer Familie versorgen die Tanten die Kinder ihrer Verwandten, weil das Erdbeben deren Eltern getötet hat. Sie beschreiben uns, wie die Schreie aus den Trümmern aufgestiegen waren. Sie beschreiben die Finsternis bei Nacht, weil es keinen Strom gibt, keine Wärme, nur die Winterkälte und den Schmerz über die vielen entsetzlichen Verluste. Keine Nachrichtensendung der Welt könnte vermitteln, was diese Menschen ertragen.
Sie haben alles verloren, ihr Zuhause, ihre Liebsten. Im dunkelsten Moment konnten wir den Menschen zeigen, dass nicht die ganze Welt zusammengebrochen war. Dass sie nicht vergessen waren. Dass es einen Grund zur Hoffnung gibt. 

Monte E. Wilson Einsatzleiter 

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