
Helfen, wohin keine Straße führt
Junior Einsatzleiter Tim H. nimmt Sie Mit
Berührende, erschütternde und sorgenvolle Erlebnisse erwarten Sie bei seinem Nothilfs-Einsatz in Äthiopien...
Start bei Sonnenaufgang
Aufbruch bei unserer Unterkunft in der größten Stadt weit und breit. Schon hier beschleicht mich das Gefühl, isoliert und von der Welt abgeschnitten zu sein. Die Unterkunft ist einfach, aber es gibt Strom und fließend Wasser. Heute machen wir uns auf den Weg, um rund 1.000 Familien Hilfe zu bringen. Diese Menschen sind vor Kämpfen um Wasser und Weideland geflohen, denn beides wird durch die Dürren immer rarer. Als ich vor Sonnenaufgang auf die Straße trete, steht der Konvoi aus Lastwagen und Geländewagen schon bereit.
Es ist nicht mein erster Einsatz dieser Art, aber der erste, den ich selbst leite. Ich brenne darauf, etwas für Menschen zu tun, die jedes Glück verlassen zu haben scheint. Die Strapazen, die auf uns warten, nehme ich gerne in Kauf. Sie sind nichts im Vergleich zu dem, was die Familien aushalten, denen wir helfen. Aber was mein Herz schwer werden lässt: Wir werden das Leid sehen, die Schreie der hungernden, abgemagerten Kinder hören, die Gerüche in der Nase haben von einem Leben, in dem jeder vorhandene Wassertropfen zum Trinken gebraucht wird …
In die lebensfeindliche Wildnis
Ich steige zu meinem Fahrer Loah (seinen Namen habe ich zu seinem Schutz geändert) in einen alten Landcruiser. Wir fahren vor dem eigentlichen Konvoi. So gehen wir sicher, dass für die beiden Lastwagen mit Hilfsgütern alle Wege passierbar sind und nirgendwo Gefahr droht. Nach einigen Stunden liegt auch die letzte Ortschaft hinter uns. Keine Hütten mehr, keine Strommasten, nur Staub. Die Landschaft sieht absolut lebensfeindlich aus. Es ist jedes Mal kaum vorstellbar, dass hier wirklich Geflohene ums Überleben kämpfen.
Die Temperaturen klettern dramatisch, die Nachtkühle ist längst vergessen. Die Klimaanlage des Wagens macht die Fahrt nur leidlich erträglich. Stundenlang sehen wir bis zum Horizont nur öde Leere, ab und an Kamele oder Esel in der Ferne.
Irgendwann schwenken wir nach Westen in felsige Hügel ein. Die Fahrzeuge kämpfen sich durch Staub und Geröll, von einer Straße kann längst keine Rede mehr sein. Die Route windet sich zwischen den Hängen hinauf. Für 25 Kilometer brauchen wir gute 2 Stunden. Wir werden kräftig durchgeschüttelt. Mir kommen Zweifel, ob die Lastwagen hinter uns mit diesen Bedingungen fertig werden. Was, wenn ihre Reifen von spitzen Felsen aufgeschlitzt werden? Oder sich ein Wagen in einem Graben festfährt? In dem pudrig feinen Sand hier kann es Stunden dauern, ihn dann zu bergen. Und das bei erbarmungslosen Temperaturen weit über 30 Grad.
Eine letzte Anhöhe, dann sehen wir sie: In einem felsigen Tal sind improvisierte Unterschlupfe entlang eines ausgetrockneten Flussbetts verstreut, in dem die Menschen nach Wasser graben. Weil die Hütten vor allem aus Zweigen und Geröll bestehen, sieht man viele erst auf den zweiten Blick, verstreut bis in die Hügel. Wir parken unsere Geländefahrzeuge am Rande der Ansammlung. Die Lastwagen sind noch nicht da.
Wir kommen an – doch wo sind die Lastwagen?
Die Sonne geht bereits unter und mein Fahrer Loah stellt ein Feldbett mit Moskitonetz für mich auf. Es ist mit einem intensiv riechenden Spray eingesprüht, das Schlangen fernhalten soll. In den nächsten Stunden wird es etwas abkühlen, aber noch herrscht trockene Hitze. Mit einem Lappen befeuchte ich Gesicht und Nacken – eine kleine Erleichterung nach dem langen Tag auf den Geröllpisten.
In Ermangelung einer Toilette entscheide ich mich zum Abendessen nur für ein Stückchen Naan-Brot, das Loahs Frau für uns gebacken hat. Loah ist schon lange Teil unseres Teams und stolz, sich mit uns für seine Landsleute einzusetzen. Im Team ist er eine unschätzbare Bereicherung. Ebenso natürlich seine Frau, die alles dafür gibt, dass wir uns bei allen Strapazen auf den Beinen halten können.
Jetzt sehe ich mich nach den Lastwagen um. Wo stecken sie nur? Dann die Erleichterung, als ihre Scheinwerfer in der Ferne auftauchen. Als die Laster ankommen, stellt sich allerdings heraus, dass meine Sorgen berechtigt waren: Unser Team musste nach mehreren Reifenpannen durch scharfe Felsen bereits sämtliche Reservereifen zum Einsatz bringen.
Für die Verteilung der Lebensmittel-Rettungspakete brauchen wir Tageslicht, und so lege ich mich früh schlafen, über mir nur der mondlose, endlose Sternenhimmel. Morgen werde ich in die Gesichter der Menschen sehen, die hierher geflohen sind und ums Überleben kämpfen. Nachdem sie unsere Hilfsgüter erhalten hatten, würden mein Team und ich wieder fahren können. Diese Menschen können nicht in ihre Heimat zurück, dort würden sie wieder vertrieben – oder Schlimmeres.
Knochenarbeit für uns, aber nichts im Vergleich zu dem, was die Menschen hier ertragen haben
Wir nutzen die Morgenkühle, um alle Hilfspakete von den Lastern zu hieven und in langen Reihen auf dem Boden anzuordnen. Die Reismehlsäcke wiegen jeweils 25 Kilogramm – und es sind 1.000 Stück.
Hinzu kommt jeweils ein Kanister mit fünf Litern Speiseöl. Diese harte Arbeit wäre in der Tageshitze fast unmöglich!
Noch während wir damit beschäftigt sind, strömen die Menschen von allen Seiten zusammen, einige sogar von außerhalb des Tals. Schnell sind es mehr, als wir Hilfspakete mitbringen konnten. Die Frauen geben sich alle Mühe, sich vor der brennenden Sonne zu verhüllen. Oft ist ihre Kleidung so verschlissen und hängt in Fetzen, dass das schwerfällt. Auf dem Arm tragen viele weinende Kinder. Die Kleinen haben oft lange nichts gegessen – und nun auch noch diese ungewohnte, unübersichtliche Situation. Zu sehen, wie diese Kinder aufwachsen – wenn sie es denn tun –, ist ein Stich ins Herz.
Bis alle Pakete aufgereiht sind, halten wir die Menschen von den Gütern fern, damit kein Chaos ausbricht. Erst dann teilen wir ihnen Reismehlsäcke zu, auf die sie sich setzen. Vielen ist beim Hinsetzen die Erleichterung anzusehen: Erst jetzt haben sie ihr Hilfspaket sicher. Es wird sie für viele Wochen ernähren, nachdem sie lange Zeit nicht wussten, woher ihre nächste Mahlzeit kommen würde.
Trotzdem gibt es keinen Jubel, kaum ein Lächeln hinter den ins Gesicht gezogenen Tüchern. Manche sagen leise danke, viele schauen uns aus Schüchternheit gar nicht an. Das ist nachvollziehbar, denn sie haben gelernt, dass Menschen von außerhalb Gefahr bedeuten – schließlich ist Vertreibung der Grund, warum sie hier gelandet sind. Außerdem haben sie bereits Wochen des Überlebenskampfes hinter sich – sie brauchen alle Energie, schlicht um am Leben zu bleiben. Dass es keine besonders herzliche Begegnung wird, nehmen wir daher nicht persönlich.
Wir fahren zurück – um den nächsten Einsatz vorzubereiten
Diese Menschen haben traumatische Erfahrungen mit Gewalt, Verlust und Entbehrung gemacht. Wenn sie ihre Kinder wieder füttern können, wenn sie sich schlafen legen ohne Angst vor Hunger am nächsten Tag, spätestens dann keimen Hoffnung und Dankbarkeit auf. Die Gewissheit, dass sie trotz allem nicht von allen verlassen sind, dass ihr Leben etwas zählt. Falls Sie bereits an Helfende Hände gespendet haben: Danke! Ohne Menschen wie Sie hätte es diesen Einsatz nicht gegeben!
Viele, aber nicht alle Menschen haben Hilfe bekommen. Während unsere Fahrzeuge sich aus dem Tal herauskämpfen, wissen wir schon: Wir müssen wiederkommen! Und das werden wir auch – wenn wir genug Spenden zusammenbekommen, um wieder Lastwagen zu mieten und sie mit lebensrettenden Hilfsgütern zu beladen.
Tim H., Junior Einsatzleiter
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